AJ denkt JoomlaHartz IV: Vermitteln nicht-marktgängiger Arbeitsuchender

„Wir sind am Bodensatz angekommen...“

Als ich diesen Satz im Kreise von Coaches und Sozialpädagogen aussprach, erlebte ich eine Inversion, die mich wie eine Lawine überrollte: Alle Anwesenden waren übereinstimmend meiner Meinung und erklärten mir gleichzeitig, dass man so etwas über Menschen nicht sagen dürfe. Warum eigentlich nicht?

Ich darf das – weil ich mit diesem Satz nicht das Buch zuschlage, sondern ein neues, passendes Buch öffne.

Wer in einem Arbeitsmarkt, der alles aufsaugt, was halbwegs den Eindruck erweckt, wirtschaftlich verwertbaren Nutzen zu bringen, auf der Strecke bleibt, kann nicht oder will nicht!

Spätestens mit diesem Satz setze ich mich der Gefahr aus, vorurteilsbelastet oder gar Menschen verachtend zu erscheinen und disqualifiziere mich in den Augen vieler Sozialpädagogen von unserem Berufsfeld. Tatsächlich geht es mir aber um die Schaffung einer neuen Arbeitsgrundlage, die Coaches und Vermittler in die Lage versetzt, alle Kunden zufrieden zu stellen:

Die, die nicht können, aber wollen, und die, die nicht wollen, aber können.

Wer sind die, die nicht können?

AJ denkt JoomlaHartz IV: Vermitteln nicht-marktgängiger Arbeitsuchender

„Wir sind am Bodensatz angekommen...“

Als ich diesen Satz im Kreise von Coaches und Sozialpädagogen aussprach, erlebte ich eine Inversion, die mich wie eine Lawine überrollte: Alle Anwesenden waren übereinstimmend meiner Meinung und erklärten mir gleichzeitig, dass man so etwas über Menschen nicht sagen dürfe. Warum eigentlich nicht?

Ich darf das – weil ich mit diesem Satz nicht das Buch zuschlage, sondern ein neues, passendes Buch öffne.

Wer in einem Arbeitsmarkt, der alles aufsaugt, was halbwegs den Eindruck erweckt, wirtschaftlich verwertbaren Nutzen zu bringen, auf der Strecke bleibt, kann nicht oder will nicht!

Spätestens mit diesem Satz setze ich mich der Gefahr aus, vorurteilsbelastet oder gar Menschen verachtend zu erscheinen und disqualifiziere mich in den Augen vieler Sozialpädagogen von unserem Berufsfeld. Tatsächlich geht es mir aber um die Schaffung einer neuen Arbeitsgrundlage, die Coaches und Vermittler in die Lage versetzt, alle Kunden zufrieden zu stellen:

Die, die nicht können, aber wollen, und die, die nicht wollen, aber können.

Wer sind die, die nicht können?

Hier haben wir Menschen, die aufgrund ihres Alters bzw. ihrer körperlichen, mentalen oder psychischen Konstitution aktuell nicht in der Lage sind, Arbeit in der vom Markt geforderten Quantität oder Qualität aufzunehmen bzw. aufgrund Arbeitsmarktferne chancenlos sind.

Bevor der Coach oder Vermittler hier aber seine Kunden vorschnell in eine falsche Schublade ablegt, muss er zunächst einmal prüfen, ob eine Veränderung der Rahmenbedingungen (z. B. eine deutlich geringere Arbeitszeit) nicht unter Umständen geeignet ist, dieses Können wiederherzustellen – wer sagt eigentlich, dass nur Mütter mit kleinen Kindern in Teilzeit arbeiten dürfen?

Wer sind die, die nicht wollen?

Wenn die eingangs getroffene Aussage über den Arbeitsmarkt als Schwamm stimmt, müsste dies der Rest der nicht erwerbstätigen Menschen sein.

Dieses scheinbare Schwarz-Weiß-Denken führt uns zu der Lösung des Problems:

Was tun mit denen, die nicht wollen?

Hier reagiert der Staat mit seiner vollen Härte: Wer sich nicht einbringt, hat die Unterstützung der Öffentlichkeit verwirkt – das Zauberwort heißt Sanktion.

Daraus lernen die Nichtwollenden:

Tarnung ist die Zauberformel, Interesse an Arbeitsaufnahme heucheln, Bedingungen der Eingliederungsvereinbarungen punktgenau erfüllen – nur nicht (negativ) auffallen. Auch die Mitarbeiter der Jobcenter beteiligen sich an dieser „Alibi-Veranstaltung“, in dem sie eine geringstmögliche Anzahl von Bewerbungen in die Eingliederungsvereinbarung aufnehmen. Dass - falls überhaupt eine Chance bestehen sollte - nach dem Gesetz der großen Zahl agiert werden müsste, wird hier schlichtweg ignoriert.

Nutzlose Bindung von Ressourcen bei Coaches und Vermittlern.

In der Gewissheit, einen sozialen Auftrag zu erfüllen, wird die begrenzte Ressource Zeit auf alle SGB-II-Kunden im Gießkannenprinzip gleichmäßig verteilt. Resultat: Bei denjenigen, die nicht wollen, verpufft diese Zeit nutzlos. Für die anderen reicht die verbleibende Zeit nicht aus, um den gewünschten Erfolg zu realisieren:

Wir betrügen die Wollenden um die Zeit, die wir den Nichtwollenden wider besseres Wissen widmen.

Die Erfolgsaussicht tendiert gegen Null. Wer zurzeit tatsächlich nicht arbeiten will, obwohl er verwertbare Kenntnisse und Fertigkeiten mitbringt, hat nachweislich bereits erfolgreiche Strategien entwickelt, um jede Form von Arbeitsaufnahme so smart zu sabotieren, dass noch nicht einmal eine Sanktion erfolgen kann.

Wer sich als Coach oder Vermittler hier ereifert, vergeudet damit seine für diese Aufgabe immens wichtige Ressource der Entspanntheit und Gelassenheit.

Die Nichtwollenden links liegen lassen?

Keineswegs – zuerst muss in einem vertrauensvollen Gesprächsverhältnis festgestellt werden, warum jemand anscheinend nicht arbeiten will.

Häufiger Grund – es rentiert sich anscheinend nicht!

Wer dieses Argument anbringt, sollte nicht mehr als Nichtwollend behandelt werden – es geht hier nicht mehr um pro oder contra Arbeitsaufnahme, sondern um die reine Ökonomie.

Anerkennung durch die Allgemeinheit als Schlüssel zum Ermittlungserfolg?

Wirkt zuerst einmal gut, aber genau diese Menschen, denen die Anerkennung den nötigen Halt in der Öffentlichkeit gibt, vermitteln sich quasi von selbst – sie benötigen nur in geringem Umfang die Unterstützung eines Coaches oder Vermittlers.

Das Einzige, was diese Menschen von der Arbeitsaufnahme abhalten kann, ist die Erkenntnis, dass sie aus persönlichen Gründen entweder qualitativ oder quantitativ nicht in der Lage sein werden, ihren Lebensunterhalt mit dem Einkommen zu bestreiten.

Ökonomie – der ultimative Schlüssel zum Ermittlungserfolg!

Ökonomisch gesehen gibt es keinen vernünftigen Grund, die Alimentation, die man ohne jede Leistung bekommt, 1:1 gegen ein Gehalt zu tauschen, für das man möglicherweise 30 Stunden pro Woche arbeiten muss.

Hier auf die Verpflichtung nach dem SGB II hinzuweisen, ist nur von geringem Erfolg gekrönt.

Wer arbeitet, hat immer mehr Geld als jemand, der nicht arbeitet!

Wer arbeitet, muss zwangsläufig für die Arbeitsaufnahme auch „Geld in die Hand nehmen“ – Fahrtkosten, adäquate Kleidung usw.

Da kommt schnell die Erkenntnis, dass durch die Arbeitsaufnahme im Nachhinein weniger Geld übrigbleibt als vorher und plötzlich kommt auch der nach Anerkennung suchende Arbeitslose zu dem Schluss, dass er ein deutlich höheres Einkommen benötigt, dies aber aufgrund seiner persönlichen Handicaps am Markt nicht realisieren kann.

Er zieht sich frustriert in sein Schneckenhaus zurück.

Ökonomie zum Zweiten – Freibeträge!

Selbst erfahrene Vermittler und Coaches haben sich nicht ausreichend mit dem § 11 b SGB II, Kinderzuschlag und Wohngeld vertraut gemacht und schlagen als ersten Reflex das Wohngeld vor, das aber tatsächlich nicht greift:

Ergänzende Leistung ist immer höher als das eventuelle Wohngeld!

Hoffnungen zerstören oder fördern?

Wenn die Theorie über den Bodensatz tatsächlich stimmt, haben wir hier Menschen, bei denen Wunsch und Wirklichkeit nicht deckungsgleich sind: Zum einen haben sie das absolute Bestreben, aus Hartz IV herauszukommen, zum anderen werden sie von der Realität eingeholt, dass der Arbeitsmarkt Ihre quantitative bzw. qualitative Arbeitsleistung nicht in dem Rahmen honoriert, dass sie den SGB-II-Bezug tatsächlich komplett verlassen können.

Sobald man diesen Menschen den § 11 b des SGB II näher bringt, ergibt sich plötzlich eine neue Sichtweise:

  1. Du kommst nicht aus dem Bezug heraus.
  2. Wenn du Arbeit hast, wirst du auf jeden Fall mehr Geld haben als ohne Arbeit.
  3. Alles was du mehr verdienst als 1.200, -- € (respektive 1.500, -- € bei Bedarfsgemeinschaft mit Minderjährigen) führt nicht zu einer weiteren Verbesserung, solange du im Bezug bleibst.
  4. Wenn du Arbeit hast, wirst du beim nächsten Bewerbungsgespräch von einem potenziellen Arbeitgeber als wertiger wahrgenommen.

Ökonomisches Verständnis + Sozialpädagogik = Vermittlung!

Die Erkenntnis aus Punkt 1 verhindert das kontraproduktive Verharren in der Hoffnung auf den einen Job, der irgendwann kommen wird und alles wieder gut macht.

Der Punkt 2 spricht das Belohnungszentrum des Gehirns an: Wenn ich schon arbeite, will ich auch etwas davon haben. Ob der durch die Freibeträge realisierte Abstand zur Alimentation genügend Motivation darstellt, muss eventuell durch den Punkt 4 argumentativ verstärkt werden.

Bei den Menschen, die die Anerkennung suchen, muss zumindest hängen bleiben, dass sie durch die Arbeitsaufnahme nicht „drauflegen“.

Der Punkt 3 kann leicht dahingehend missverstanden werden, das ökonomische Prinzip zu forcieren (arbeite nur gerade so viel, dass das Jobcenter nichts bekommt). Tatsächlich geht es aber hier in erster Linie darum, Menschen mit multiplen Vermittlungshemmnissen zu ermutigen, auch qualitativ bzw. quantitativ „geringwertigere“ Arbeitsleistung auf dem Markt anzubieten.

Im Arbeitsprozess wird sich durch die zunehmende Praxis die Qualität verbessern, durch die Re-Integration möglicherweise auch die Quantität, was gleitend mittelfristig doch zur Abkoppelung von der Alimentation durch das Jobcenter führen kann.

Mit dem expliziten Hinweis auf Punkt 4 wird die Hoffnung geschürt, dass ein „weg vom Jobcenter“, wenn nicht sofort, dann doch in absehbarer Zeit möglich ist – wichtiger als den Traumjob zu bekommen ist es erst einmal, überhaupt einen Job zu haben!

Fördern statt fordern!

Setzen Sie den Fokus auf die, die Ihnen vermittelbar erscheinen!

Investieren Sie Ihre Ressourcen ‚Zeit‘ und ‚mentale Stärke‘ speziell in diese Menschen. Verschwenden Sie sie nicht an die, die nicht arbeiten wollen!

Ansonsten holen Sie sich bestenfalls Magengeschwüre an einem Problem, das Sie nicht lösen können und – noch wichtiger – dessen Lösung mathematisch-logisch niemandem einen wirklichen Nutzen bringt:

Was passiert, wenn Sie jemanden, der nicht arbeiten will, tatsächlich in diese Arbeit pressen?

  1. Derjenige bekommt die Stelle, der nicht arbeiten will.
    gbSim2Sie machen den Arbeitsunwilligen unglücklich!
  2. Diese Stelle fehlt Ihnen für denjenigen, der wirklich arbeiten will.
    gbSim2Sie machen den Arbeitswilligen unglücklich!
  3. Der Arbeitsunwillige boykottiert die Stelle.
    gbSim2Sie machen den Arbeitgeber unglücklich!
  4. Dieser Arbeitgeber verliert das Vertrauen in Ihre Empfehlungen.
    gbSim2Sie machen sich selbst unglücklich!

Gibt es den für Langzeitarbeitslose passenden Arbeitsmarkt?

Arbeitsuchende

Aus der Erfahrung aus zahlreichen Coachings heraus lässt sich feststellen, dass eine Vielzahl der Langzeitarbeitslosen die akute Situation als Beweis interpretiert, auf dem Arbeitsmarkt keinen wirklichen Wert mehr zu haben.

  1. Jede bezahlte Arbeitsaufnahme – selbst die Aufnahme eines Minijobs – stärkt das Selbstbewusstsein: Es gibt jemanden, der die Arbeitsleistung im wahrsten Sinne des Wortes Wert schätzt.
  2. Der Minijob selbst sollte bestenfalls als Zwischenschritt dienen: Durch die restriktiven Obergrenzen der Monatsgehälter ist diese Beschäftigungsart gedeckelt und somit nicht mehr ausbaubar.
  3. Die Beschäftigung in der nach oben steigerungsfähigen Gleitzone kann für Langzeitarbeitslose eine (Wortspiel) gleitende Integration in die Unabhängigkeit von staatlicher Alimentation darstellen. Bei Bedarf könnte jetzt sogar noch ein Minijob als Ergänzung aufgenommen werden.
  4. Erwerbsleistungen jeglichen Zeitaufwandes „rentieren“ sich über die soziale Anerkennung hinaus auch finanziell.

Arbeitgeber

Es wird die große Aufgabe diverser Coaches, Vermittler, aber insbesondere der Mitarbeiter der jeweiligen Arbeitgeberservices sein, Arbeitgeber zu einem neuen Denken zu führen:

  1. Es ist nicht erforderlich, mit dem Einkommen aus dem Bezug heraus zu kommen – durch anrechnungsfreie Beträge ist Teilzeit nicht nur für hinzuverdienende Ehefrauen ein gutes Konzept.
  2. Teilzeitarbeit ist für eine Vielzahl gehandicapter Arbeitsuchender leichter zu stemmen – plötzlich kann ein bestehender Arbeitsmarkt zum Wohle aller Beteiligten gedeckt werden.
  3. Durch Umwandlung einer Vollzeit- in zwei Teilzeitstellen halbiert sich das Risiko eines krankheitsbedingten Produktivitätsverlustes.
  4. Wer nur wenige Stunden am Tag arbeitet, kann für diesen kurzen Zeitraum einen höheren Output leisten, ohne überfordert zu sein – Effizienzsteigerung für das Unternehmen.

Jede bezahlte Arbeitsaufnahme dient auch der Solidargemeinschaft.

Bereits bei einem Minijob mit 100, -- € Bruttozahlung erzielt die Minijobzentrale Einnahmen in Höhe von 15, -- €, die Rentenversicherung in Höhe von 32,55 €.

Die Nettozahlung (nach Abzug des Eigenanteils in die Rentenversicherung) bewirkt über einen größeren Konsum Einnahmen in die Staatskasse Mehrwertsteuer, je nach Steuersatz (7 % oder 19 %) zwischen 5,40 € und 15,77 €.

Nichtmessbarer Nutzen

Die Statistik wird im internationalen Vergleich eingesetzt, um unterschiedliche Länder in einem Ranking miteinander zu vergleichen – bereits ab 451, -- € wird eine Arbeitsaufnahme als in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung gewertet.

Ebenfalls nicht messbar: Der Zugewinn an Selbstbewusstsein für die ehemaligen Langzeitarbeitslosen und die damit verbundene Signalwirkung für die nachkommende Generation:

Arbeitsaufnahme lohnt sich!

Seien Sie kreativ und lassen Sie uns in Kontakt bleiben!

Adalbert Jablonski
Project Coordinator

   

Arbeitsmarkt in Zahlen  

   
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